Seltsame Zeiten

Isabel Lipthay

 

in diesen seltsamen Zeiten
der Jahrestage und Kriege,
der verlorenen Revolutionen
und gewaltsamen Gewinner,
die alles dem Erdboden gleichmachen,
weiß ich nicht, wo meine Augen niederlassen,
in welche Nische
die Zärtlichkeit meiner Hände legen
um eine Geschichte zu schaffen,
die noch gemeinsam sein könnte

 

ich verzweifle an der Distanz
zu meinem Festland
zu der Jugend, die
an eine gerechte Gemeinschaft glaubt

 

das kleine ich ertrinkt
in dem großen ICH, das gepredigt wird
das kollektive höhnische ICH
krank vor Einsamkeit
dürr, trocken, gefräßig
elend, ausbeuterisch
wie es schlimmer nicht geht

 

was tun
in diesen seltsamen Zeiten
der toten Ideologien?
was tun um nicht
das zarte wir in einem jeden zu töten?
was tun
um nicht
das Herz in kleine Stücke zu zerdrücken,
um weiter meinen Herzschlag zu spüren
um weiter den deinen zu spüren?

 

Übersetzung: Andrea Rauße-Rüther
aus: »Seltsame Pflanzen und andere Lebensbilder – Curiosas Plantas y otros sueños«.
Unrast-Verlag 1995 (2. Aufl. 1996), ISBN 3-928300-41-5

 

spanischer Originaltext