Folter in Coesfeld?

Martin Firgau

 

Da wird in einer Kaserne im Münsterland der Krieg mal halbwegs REALISTISCH eingeübt und die Politik regt sich darüber auf? Warum? Ist das nicht Augenwischerei?

 

Ähnliche Aufschreie und Rufe nach "Untersuchung" gab es bei den Bildern aus Faludja, wo ein US-amerikanischer Soldat einen wehrlosen Verwundeten vor laufender Kamera ermordet. Oder bei den Bilder aus Abu Ghraib. Als wären all das Einzelfälle und nicht Prinzip! Dabei passieren diese Dinge ständig, nur erreichen uns die Bilder relativ selten.

 

Wenn Militärexperten nun den empörten Demokraten spielen, hat das einen primären Grund: Es ist der Versuch, davon abzulenken, dass die Kriege im Irak, in Afghanistan, im Kosovo, die von der rot-grünen Regierung gestützt wurden und werden, solche und andere Menschenrechtsverletzungen TÄGLICH in Kauf nehmen. Als gäbe es einen "sauberen" Krieg, saubere Waffen, sauberes Töten ...

 

Konkret: Im Rahmen von "Enduring Freedom" war die Bundeswehr unter US-Kommando eingebunden in ein Konzept, das sich auch auf Flächenbombardements mit B52, den Einsatz von 7000 Kilogramm schweren BLU-Bomben und international geächtete Waffen wie Streubomben und Minen stützte. Man kritisierte nicht, man klagte nicht an, man machte mit.

 

Wann werden wir endlich erfahren, wie sich das "Kommando Spezialkräfte" (KSK) der Bundeswehr in Afghanistan verhalten hat? Wenn diese "Elitesoldaten" an vorderster Front Gefangene machten, was taten sie dann mit ihnen? Wenn sie diese den USA übergaben, dürften die Gefangenen in Guantánamo eine schlimmere Behandlung als in Coesfeld erfahren haben ... Ein eindeutiger Verstoß gegen die Genfer Konventionen mit deutscher Mitwirkung! Für die Presse aber nicht interessant: es fehlen die Bilder ...

 

Wer die Bundeswehr wandelt von der Landesverteidigung zur "Verteidigung am Hindukusch" und "Vorbeugenden Militäreinsätzen", sollte realisieren, dass Ausbildungsmaßnahmen wie die in Coesfeld (Ahlen, Bayern, Niedersachsen, ...) keine Ausrutscher sind, sondern logische Konsequenz der neuen Politik und realistische Vorbereitung auf bevorstehende Kampfeinsätze.

 

Erschien in der taz (3.12.2004),
Münstersche Zeitung (13.12.2004),
Graswurzelrevolution (Nr. 295, Januar 2005)